
Laudatio von PD Dr. Maria Eberlein-Gonska
Nominierte und Preisträger in der Kategorie „e-Doktor für eine bessere Patientenversorgung“
Bereits zum 113. Deutschen Ärztetag im Mai 2010 in Dresden wurde ein Beschluss zu den „Voraussetzungen für gute Telemedizin“ gefasst. Hier heißt es:
„Die Weiterentwicklung einer interdisziplinären und interkollegialen Zusammenarbeit im deutschen Gesundheitswesen erfordert den Einsatz moderner Kommunikationsmedien und eine zunehmend elektronische Vernetzung von Einrichtungen. Darüber hinaus etablieren sich auch in der unmittelbaren Patientenbehandlung zunehmend medizinische Versorgungsmodelle, die sich telematische Verfahren zu Nutzen machen.“
In diesem Kontext wurden Leitsätze formuliert, die klar den Mehrwert in der Patientenversorgung, die Unterstützung und nicht den Ersatz ärztlichen Handelns, die Überwindung von Insellösungen und die Zukunftsaufgabe für die Ärzteschaft fordern. Wesentlich ist die Feststellung:
„Telemedizin dient primär der Patientenversorgung und nicht der Schaffung neuer Absatzmärkte für die Industrie.“
Der Deutsche Ärztetag in Dresden hat die Brisanz um die technologischen Möglichkeiten der Telemedizin erkannt und innerärztliche Voraussetzungen gefordert. Es müssen demzufolge medizinisch sinnvolle Versorgungsszenarien definiert werden, bei denen eine Konkurrenz zur konventionellen Medizin vermieden werden muss. Wichtig sind klare rechtliche Rahmenbedingungen und die wissenschaftliche Evaluation.
Vor diesem Hintergrund und mit diesen klaren Anforderungen sind wir uns als Jury-Mitglieder sicher, dass es in der Kategorie „e-Doktor für eine bessere Patientenversorgung“ inzwischen ausgezeichnete Entwicklungen in Bayern gibt. Dies haben zumindest die zehn Bewerbungen für den Bayerischen Gesundheitspreis 2011 bewiesen, und wir sind überzeugt, dass weit mehr qualitativ anspruchsvolle Projekte dieser Art in Bayern existieren.
So ist schließlich allgemein wahrnehmbar, dass zum Beispiel Abläufe in den Praxen zunehmend mit der Unterstützung kluger Datenverarbeitungsprogramme organisiert werden. Dies fängt bei der Terminvergabe an, sei es für die eigene Praxis oder auch praxisübergreifend in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern beispielsweise. Es geht weiter mit der zunehmenden Einbindung der EDV in den Praxisalltag mit dem Ziel der papierlosen Kommunikation, Organisation und Archivierung.
Andere technische Fortentwicklungen sind beispielsweise Internet-basierte Terminvergaben beim Facharzt durch den Patienten selber. Letztlich unterstützen die IT und ein wachsender Technologisierungsgrad aber auch die therapeutische ärztliche Arbeit, und zwar insbesondere über die verschiedenen Versorgungsgrenzen hinaus. Diese Entwicklung folgt auch dem allgemeinen Trend, dass sich im Zeitalter des Internets zahlreiche Informationsmöglichkeiten für den Patienten bieten. Das Stichwort lautet hierzu zur Vorstellung von Nominierten und Preisträgern in der Kategorie „e-Doktor für eine bessere Patientenversorgung“ des Bayerischen Gesundheitspreises 2011
„shared decision making“, in dem der informierte Patient sehr viel stärker in den Behandlungsprozess eingebunden werden möchte. Dies stellt für die aktuelle und künftige Arzt-Patienten-Beziehung eine große Herausforderung dar und schließt wieder den Bogen zu dem im Rahmen des Deutschen Ärztetages formulierten Grundsatz; des Nutzens der Telemedizin primär für die Patientenversorgung!
Zu den Nominierten Projekten
Der Smartpen – Audiovisuelle Speicherung von Aufklärungsgesprächen bei
ADHS;
Dr. med. Walter Hultzsch
Mit einem Smartpen lässt sich ein so genanntes Pencast-PDF erstellen. Hierbei handelt es sich um ein digitales, audivisuelles Endprodukt, das mit Hilfe eines mit Hard- und Software ausgestatteten multifunktionalen Stifts erzeugt, gespeichert und publiziert wird. Der Nutzer schreibt mit diesem speziellen Stift auf ein besonders präpariertes Papier. Das Geschriebene wird vom Stift (mittels einer normalen Kugelschreibermine) sofort auf dem Papier dargestellt, gleichzeitig aber auch vom Stift in einem internen Speicher aufgezeichnet. Neben der Schrift zeichnen einige Stifte auch den (gesprochenen) Umgebungston mit auf. Die fertige Aufzeichnung (in Schrift und Ton) lässt sich mittels USB-Kabel auf den Rechner portieren und dort im Volltext durchsuchen, nonlinear abspielen und über das Internet auf einer speziellen Plattform publizieren. Soweit die Informationen aus dem Internet.
Zum Projekt: Herr Dr. Hultzsch ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in München. Das Ziel seines Projektes ist es, Aufzeichnungen des ärztlichen Gesprächs den Eltern betroffener Kinder im Nachgang zur Verfügung zu stellen. Erfahrungsgemäß kommt es oft vor, dass nur ein Elternteil an dem Gespräch in der Praxis teilnehmen kann, die Informationen aber für beide Eltern und ggf. auch für andere Bezugspersonen von Wichtigkeit sind. Mit dem Smartpen können das Gespräch und die darin enthaltenen Informationen in Ruhe zu Hause nachvollzogen und auch besprochen werden.
Der Smartpen ist ein „intelligentes“ Medium, mit dessen Hilfe die Arbeit und hier die Vermittlung von Wissen und z.B. von Verhaltensvorschlägen effizient und mit hohem Nutzen für die Anwender (in diesem Fall die Eltern von ADHS-Kindern) gestaltet werden kann. Es lassen sich aber auch leicht andere Beispiele denken, für die die Wiederholung eines aufgezeichneten Gesprächs von hohem Nutzen sein kann.
Volldigitalisierte ambulante Tagesklinik;
Dr. med. Christian Hilscher
Der Traum einer Ressourcen schonenden, weil papierlosen Praxis kann Wirklichkeit werden; den Beweis hierfür tritt der in Friedberg tätige Mund- und Kieferchirurg Dr. Hilscher an. Die elektronische Patienten-Akte inkl. digitaler bildgebender Verfahren (Röntgen) sind hier selbstverständlich. Man könnte bis hierhin einwenden, dass dies der Zug der Zeit und damit zur Vorstellung von Nominierten und Preisträgern in der Kategorie „e-Doktor für eine bessere Patientenversorgung“ des Bayerischen Gesundheitspreises 2011 völlig normal sei, da immer mehr Praxen dazu übergehen, Patientenakten nur noch digital zu führen und Arbeitsplätze vorzuhalten, an denen es kein Papier mehr gibt.
Herr Dr. Hilscher, und das ist der Grund für die Nominierung seiner Praxis im Rahmen des BGP, geht aber noch ein paar Schritte weiter: Er betreibt ein internes QM mit an allen 14 Arbeitsstationen abrufbaren Dokumenten und verwendet Barcodescanner in der zentralen Sterilisation sowie in jedem Eingriffsraum und im OP und sichert hierdurch beispielsweise eine lückenlose und transparente Hygienedokumentation. Seit gut einem Jahr läuft das Projekt und wir sehen mit Spannung der geplanten Patientenbefragung entgegen.
GO IN Regionales Gesundheitsportal zum Datenaustausch zwischen ambulant und stationär;
Dr. med. Siegfried Jedamzik
Das Praxisnetz GO IN ist ein Zusammenschluss niedergelassener Ärztinnen und Ärzte, die haus- und fachärztlich in der Region Ingolstadt Stadt und Land tätig sind und schon im Jahre 2000 gegründet wurde.
450.000 Patienten und 481 niedergelassene Kolleginnen und Kollegen machen die Größe und zahlenmäßige Bedeutung des Netzes deutlich. Einführung eines Patientenpasses, Einrichtung von Anlaufpraxen, die auch zur Unzeit besetzt sind und eigene Notfallpraxen innerhalb des Netzes waren Meilensteine, um die Patientenversorgung in dieser Region effizienter und auch wirtschaftlicher zu gestalten.
Doch damit nicht genug. Die elektronische Gesundheitskarte lässt bei allen bekannten Hürden immer noch auf sich warten, und es war und ist GO IN gelungen, die positiven Ideen konkret umzusetzen. So hat für die Teilnehmer des Netzes dieser Teil der Zukunft schon jetzt begonnen. Aufbauend auf dem seit dem Jahr 2000 eingeführten Patientenpass, in dem alle relevanten Diagnose- und Behandlungsdaten festgehalten werden, findet zwischen den verschiedenen Leistungsanbietern ein Informationsaustausch statt, der zunehmend elektronisch basiert ist. So kann im Notfall schnell auf relevante Informationen zurück-gegriffen werden, um nur ein Beispiel zu nennen. Das Klinikum Ingolstadt stellt die technische Struktur zur Verfügung, und die Ärzte des Netzes und die Patienten sind die Nutznießer einer zentralen, digitalen Kommunikationsstruktur. Insbesondere an den Schnittstellen sollen damit Informationsverluste weitgehend vermieden werden.
Preisverleihung
Die Informationstechnologie ist ein Feld, das in der Zukunft sicherlich noch mehr Bedeutung erlangen wird und uns Ärzte in der weiteren Ausgestaltung herausfordert. Die Jury hat sich bei der Vergabe des Preises in dieser Kategorie entschieden, ein Projekt auszuzeichnen, dass sich von den anderen dadurch unterscheidet, dass es trotz vorhandener Entwicklungsmöglichkeiten am weitesten fortgeschritten ist und als „Komplettlösung“ bereits funktioniert. Der Preis in der Kategorie „e-Doktor für eine bessere Patientenversorgung“ geht an Herrn Dr. Siegfried Jedamzik mit seinem regionalen Gesundheitsportal GO IN.
Die Jury hat sich für das GO IN entschieden, da es wegweisende technologische Ideen zur verbesserten Patientenversorgung aufweist, die von Ärzten maßgeblich gestaltet und umgesetzt wurden. So ist die Übermittlung von Arztbriefen über das Netz auf elektronischem Weg möglich, im Notfall kann das Klinikum auf anamnestische Daten der Arztpraxis zugreifen und so Besonderheiten in der Krankengeschichte der Patienten berücksichtigen. Zeitverluste, unnütze Untersuchungen und Doppelverordnungen etc. können vermieden werden. Die Einbindung weiterer regionaler Akutkrankenhäuser und Rehakliniken in das bestehende Netz ist geplant. Somit ist vielleicht in nicht so ferner Zukunft der Datenaustausch in der kompletten Region zum Nutzen vor allem der Patienten möglich. Qualität und wirtschaftliches Handeln schließen sich demzufolge mit dem Ziel einer hochwertigen Patientenversorgung nicht aus, im Gegenteil!
Die Bemühungen um neue Strukturen sind in der Regel bekanntlich zunächst mit viel Arbeit verbunden. Und es ist nicht selbstverständlich, dass über einen Zeitraum von nunmehr elf Jahren ein Projekt nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ kontinuierlich wächst. Ohne den konsequenten persönlichen Einsatz Einzelner bleiben viele gute Ideen auf der Strecke.
Und so ist die Arbeit und die Kontinuität von Herrn Dr. Siegfried Jedamzik gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Das Projekt GO IN veranschaulicht in besonderem Maße die Leitsätze des 113. Deutschen Ärztetages 2010 zum Mehrwert der Telemedizin in der Patientenversorgung, zur Unterstützung und nicht zum Ersatz ärztlichen Handelns und zur Zukunftsaufgabe für die Ärzteschaft.